Somatisierungsstörung


Merkmale

Das Hauptmerkmal der Somatisierungsstörung ist ein Muster verschiedener, wiederholt auftretender und häufig wechselnder körperlicher Symptome (mindestens sechs), die über mindestens zwei Jahre anhalten. Betroffene haben meist eine lange Krankengeschichte mit zahleichen Untersuchungen und Behandlungen in der Primärversorgung und in spezialisierten Einrichtungen hinter sich, mit immer negativen Ergebnissen und erfolglosen Behandlungen und Operationen.

Häufig werden folgende Symptome bei einer Somatisierungsstörung geschildert:

  • gastro-intestinale Symptome (z.B. Bauchschmerzen, Übelkeit, schlechter Geschmack im Mund oder stark belegte Zunge, Erbrechen oder Würgen, Durchfall)
  • kardiovaskuläre Symptome (z.B. Atemlosigkeit auch ohne vorherige Anstrengung, Schmerzen in der Brust)
  • urogenitale Symptome (z.B. Schmerzen beim Wasserlassen, unangenehme Empfindungen im oder um den Genitalbereich, veränderter oder starker vaginaler Ausfluss)
  • Haut- oder Schmerzsymptome (z.B. Flecken oder Farbveränderungen der Haut, Schmerzen in den Gliedern, unangenehme Taubheit, Kribbelgefühl, Juckreiz)

In der Regel beschreiben Menschen mit einer Somatisierungsstörung ihre Beschwerden übertreibend und nehmen die Versicherung mehrerer Ärzte, dass es keine körperliche Ursache für die Beschwerden gibt, nicht an. Die Art der Symptome und das daraus entstehende Verhalten führen zu einer gewissen Beeinträchtigung im sozialen, familiären und beruflichen Bereich. Deutliche depressive und Angstsymptome kommen häufig vor und bedürfen einer spezifischen Behandlung. Auch antisoziales und impulsives Verhalten, Suiziddrohungen und -versuche sowie Eheprobleme können auftreten. Zahlreiche medizinische Untersuchungen, diagnostische Verfahren, chirurgische Eingriffe und stationäre Behandlungen erhöhen das Erkrankungsrisiko der Betroffenen.

Eine Somatisierungstörung tritt häufig in Kombination mit einer Depression, Panikstörung oder einer Störung in Zusammenhang mit psychotropen Substanzen auf. Von den Persönlichkeitsstörungen sind am häufigsten die antisoziale, die histrionische und die Borderline Persönlichkeitsstörung mit einer Somatisierungsstörung verbunden. Wenn multiple, hartnäckige körperliche Symptome vorliegen, aber das typische klinische Bild der Somatisierungsstörung nicht vollständig erfüllt ist (z.B. kürzere Dauer, geringe Anzahl an Symptomen oder keine Einschränkung im familiären oder beruflichen Bereich), dann spricht man von einer undifferenzierten Somatisierungsstörung.

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Verlauf

Eine Somatisierungsstörung beginnt meist schleichend, erste Symptome treten bereits während der Adoleszenz auf (bei Frauen z.B. Menstruationsbeschwerden). Die diagnostischen Kriterien werden typischerweise bis zum 25. Lebensjahr erreicht. Die Somatisierungsstörung nimmt einen chronischen Verlauf, mit schwankender Intensität, die jedoch selten vollständig zurückgeht. Es vergeht kaum ein Jahr, ohne dass der Betroffene wegen unklaren körperlichen Symptomen einen Arzt konsultiert oder Spezialbehandlungen in Anspruch nimmt. Häufig besteht eine große Enttäuschung gegenüber Ärzten und dem Gesundheitssystem, weshalb Betroffene nicht selten versuchen ihre Beschwerden durch Selbstmedikation oder psychotrope Substanzen (z.B. Alkohol, Marihuana) zu lindern.

Zahlen

Es gibt sehr unterschiedliche Angaben über die Prävalenz der Somatisierungsstörung. In den USA werden Zahlen zwischen 0,2% und 2% bei Frauen und unter 0,2% bei Männern angegeben. Diese Zahlen erscheinen sehr gering, da in medizinischen Einrichtungen sehr häufig von somatoformen Störungen, insbesondere der Somatisierungsstörung und der undifferenzierten Somatisierungsstörung berichtet wird. Die geringen Zahlen lassen sich dadurch erklären, dass bei den US-Studien sehr strenge Diagnosekriterien angewendet wurden.

Somatoforme Störungen sind extrem weit verbreitet. In Deutschland erkranken ca. 80% im Laufe ihres Lebens an einer somatoformen Störung. 15% der Bevölkerung sind zum momentanen Zeitpunkt behandlungsbedürftig. Bei Patienten, die in ein Krankenhaus aufgenommen werden, sind ca. 30% von somatoformen Störungen betroffen. Nicht selten bleibt die Störung jedoch unerkannt und somit auch unbehandelt.

Subtypen

Bei diesem Störungsbild werden keine Subtypen unterschieden.

Therapie

Die Therapie der somatoformen Störungen, insbesondere der Somatisierungsstörung, erfordert ein multimodales Vorgehen, bei dem der Patient umfassend betreut wird. Es gibt z.B. spezialisierte psychosomatische Kliniken, die dem Patienten eine mehrwöchige stationäre Behandlung bieten, bei der verschiedene Therapieansätze zum Einsatz kommen.

Grundsätzlich ist als erster Schritt der Behandlung eine umfassende Psychoedukation notwendig. Der Patient wird dabei über das Zusammenspiel von körperlichen und seelischen Faktoren und Prozessen aufgeklärt und lernt seine Symptome besser zu erkennen und einzuschätzen. In der Therapie der Somatisierungsstörung wird gemeinsam mit dem Patienten ein individuelles Erklärungsmodell erarbeitet, das auch die psychischen Komponenten der Störung betrachtet. Besonders wichtig ist es, dem Patienten zu vermitteln, dass „psychisch bedingt“ nicht bedeutet, dass sie „verrückt“ oder „geistesgestört“ sind (wie es diese Patientengruppe gerne ausdrückt).

Durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen soll der Patient einen besseren Umgang mit seinen Beschwerden lernen, negative kognitive Muster verändern, Vermeidungsverhalten (z.B. eingeschränkte Aktivität aufgrund von Schmerzen) reduzieren und seine Ressourcen stärken. In Kombination mit verhaltenstherapeutischen Methoden werden häufig Entspannungsverfahren zur Therapie der Somatisierungsstörung verwendet. Die bekanntesten Verfahren sind die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, das Autogene Training, sowie Biofeedback.

In einer tiefenpsychologisch fundierten Therapie liegt der Schwerpunkt auf der Aufarbeitung von traumatisierenden Kindheitserfahrungen, Bindungsproblematiken und seelischen Konflikten, die zur Aufrechterhaltung der Störung beitragen.

Die klassische Psychotherapie kann mit physikalischer Therapie, Ergotherapie, Bewegungstherapie und Gesundheitsberatung/-training kombiniert werden. Primäres Ziel der Therapie ist der verbesserte Umgang mit der Erkrankung und eine bessere Funktionsfähigkeit im familiären und beruflichen Bereich sowie eine Linderung der Beschwerden.

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