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Orgasmusstörung

Merkmale

Frauen, die von einer Orgasmusstörung betroffen sind, leiden wiederholt oder dauerhaft, trotz adäquater Erregung(sphase) im Vorfeld, an einem ausbleibenden oder einem verzögert eintretenden Orgasmus. Damit bei einer Frau eine Orgasmusstörung sicher bestimmt werden kann, sollten immer die Dauer, Intensität und Art der sexuellen Stimulation, die Erfahrung mit Sex und das Alter berücksichtigt werden. Frauen zeigen starke Unterschiede in Bezug auf die benötigte Art und Stärke der Stimulation, die den Orgasmus auslösen soll – je nach Alter, Erfahrung und Persönlichkeit. Die Orgasmusunfähigkeit bzw. -schwierigkeit kann das eigene Körperbewusstsein, den eigenen Selbstwert und/oder die Beziehungszufriedenheit in Mitleidenschaft ziehen. Allerdings konnte festgestellt werden, dass die Größe der Scheide, die Muskulatur des Beckenbodens oder auch bestimmte Persönlichkeitszüge sowie chronische Krankheitsbilder (z.B. Diabetes, Krebserkrankungen im Beckenraum) keinen Einfluss auf die Fähigkeit, einen Orgasmus zu erleben, haben.

Männer, die von einer Orgasmusstörung betroffen sind, leiden trotz adäquater Erregung(sphase) im Vorfeld wiederholt oder dauerhaft an einem ausbleibenden oder verzögert eintretenden Orgasmus. Damit eine Orgasmusstörung bei einem Mann sicher bestimmt werden kann, sollte immer die Angemessenheit der Dauer, Intensität und Art der sexuellen Stimulation und das Alter berücksichtigt werden. Zum Beispiel bedarf es bei Männern im höheren Alter einer intensiveren bzw. ausgiebigeren Stimulation, um eine adäquate Erektion des Penis zu erreichen, was jedoch nicht als Orgamsusstörung gewertet werden kann. Am häufigsten berichten Männer mit einer Orgasmusstörung, dass sie zwar durch manuelle oder orale Befriedigung des Sexualpartners zum Orgasmus kommen können, jedoch nicht während des Geschlechtsverkehrs. Die zu Beginn des sexuellen Kontaktes erlebten lustvollen Gefühle nehmen während dem Geschlechtsakt (Koitus) drastisch ab und ein Gefühl des Zwangs macht sich breit. Andere dagegen haben keine Probleme während dem Geschlechtsverkehr zu ejakulieren, wenn sie davor intensiv und langandauernd stimuliert wurden. Manche Männer mit einer Orgasmusstörung können nur nach einem Traum mit sexuellem Inhalt einen Orgasmus erlangen.

Damit von einer Orgasmusstörung gesprochen werden kann, müssen die Betroffenen deutlich unter den Symptomen der psychischen Störung leiden, da diese entweder dauerhaft oder wiederholt auftreten. Des Weiteren kann das Ausbleiben oder verzögerte Eintreten des Orgasmus sich gravierend auf das Privatleben auswirken. Es kann sich sexuelle Unzufriedenheit in der Beziehung oder gar Unfruchtbarkeit (Infertilität) entwickeln, wenn eine koitale Ejakulation nicht möglich ist und vom Mann verschwiegen wird. Können die Symptome der sexuellen Funktionsstörung auf einen Substanzmissbrauch (z.B. Medikamente, Alkohol) oder eine körperliche Erkrankung zurückgeführt werden, dann liegt keine Orgasmusstörung vor.

Personen, die an einer Orgasmusstörung leiden, können zusätzlich von einer weiteren sexuellen Funktionsstörung (Frauen v.a. an einer Störung sexueller Erregung und Männer z.B. an einer Erektionsstörung) oder einer anderen psychischen Störung (z.B. Depression) betroffen sein.

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Verlauf

Die Orgasmusstörung tritt häufiger bei jüngeren Frauen auf. Erst mit steigender sexueller Erfahrung (auch Erfahrung mit verschiedenen Arten der Stimulation und der Reaktionen des eigenen Körpers auf bestimmte Reize) nimmt auch die Fähigkeit zu, einen Orgasmus zu erleben. Weiß eine Frau, wie sie einen Orgasmus erlangen kann, wird sie diese Fähigkeit nur unter äußerst widrigen Umständen verlieren können, wie z.B. durch ein Trauma (Vergewaltigung etc.), eine Depression oder eine Erkrankung von medizinischer Bedeutung. Auf Grund dessen ist es eher wahrscheinlich, dass die Orgasmusstörung lebenslang anhält, d.h. sie tritt bereits in jungen Jahren auf und dauert bis ins reifere Alter fort.

Bei Männern gibt es zum Verlauf keine abgesicherten Befunde, doch lassen sich charakteristische Verläufe an Hand der Ursachen, die zur Orgasmusstörung beigetragen haben, feststellen.

Zahlen

Die Befundlage zu den sexuellen Funktionsstörungen gestaltet sich als äußerst dürftig. Die Daten, die zur Prävalenz der einzelnen Störungen vorliegen, weisen enorme Unterschiede (Variabilität) auf, da sie entweder mit verschiedenen Verfahren erhoben wurden, verschiedene Definitionen der Störungen verwendeten oder Stichproben mit unterschiedlichen Merkmalen miteinbezogen.

Eine amerikanische Studie, die Personen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren befragte, liefert Prävalenzen für Orgasmusschwierigkeiten bei Frauen von 25% und bei Männern von 10%. Eine weitere Studie liefert Angaben, dass ca. ein Drittel der Frauen nach der Menopause unter einer Orgasmusstörung leiden. Untersuchungen weisen darauf hin, dass ca. 10% aller Frauen noch nie einen Orgasmus hatten, weder allein noch während des Geschlechtsverkehrs, und weitere 10% selten.

Frauen sind von einer Orgasmusstörung häufiger betroffen als Männer. Frauen hingegen, die sich sexuell durchsetzen und weniger Hemmungen bei der Masturbation haben, haben auch häufiger einen Orgasmus. Die Orgasmusstörung tritt seltener bei Frauen auf, die verheiratet sind oder mit einem Partner zusammenleben.

Subtypen

Bei allen sexuellen Funktionsstörungen wird hinsichtlich dem Anfangspunkt der Störung, den Umständen, innerhalb derer die Störung vorkommt und den Ursachen für die Störung unterschieden.

Die Orgasmusstörung gilt als „lebenslang“, wenn die Störung mit der geschlechtlichen Reife begonnen hat. Die sexuelle Funktionsstörung gilt als „erworben“, wenn das Ausbleiben oder verzögerte Eintreten des Orgasmus nach einem Zeitraum normaler sexueller Betätigung begonnen hat.

Die Orgasmusstörung kann auch mehrere verschiedene Situationen, Partner oder Arten der sexuellen Erregung betreffen und damit als „generalisiert“ bezeichnet werden. Sie kann aber auch nur eine Situation, einen Partner oder eine Art der Stimulation betreffen und somit als „situativ“ gelten.

Das Ausbleiben oder verzögerte Einsetzen eines Orgasmus kann sowohl durch psychische Faktoren alleine als auch durch psychische und körperliche Faktoren ausgelöst werden.

Therapie

Die unterschiedlichen Therapieverfahren versuchen auf Grund ihres unterschiedlichen Ursachenverständnisses, die sexuellen Funktionsstörungen auf unterschiedliche Weise zu behandeln.

In der Psychoanalyse geht man davon aus, dass die Personen mit einer sexuellen Funktionsstörung in ihrer Entwicklung bei einer der psychosexuellen Phasen (Siegmund Freud unterschied die anale, orale, latenz und genitale Phase) zurückgeblieben sind. So soll der Patient in der Beziehung zum Analytiker alle Phasen der Kindheit nochmals durchleben, aber diesmal erfolgreich. Dadurch soll eine tiefreichende Umstrukturierung der Persönlichkeit erreicht werden.

In der Verhaltenstherapie kommen hauptsächlich Muskelentspannungsübungen und Methoden, wie die systematische Desensibilisierung zum Einsatz, um die vorherrschende Angst bei sexuellen Funktionsstörungen zu reduzieren.

Die wohl bekannteste Behandlungsmethode bei sexuellen Funktionsstörungen ist die von William Masters und Virginia Johnson (1970), welche auch unter der Bezeichnung „Sexualtherapie“ bekannt wurde. Das achtstufige Verfahren beinhaltet kognitive, verhaltenstherapeutische sowie auch kommunikative Techniken und setzt direkt beim sexuellen Problem an. Innerhalb von ca. 15 bis 20 Therapiestunden (Kurzzeittherapie) werden folgende standardmäßig angewandt:

  1. Diagnostik und Problemanalyse: Zuerst werden mögliche organische Probleme in einer medizinischen Untersuchung abgeklärt bzw. ausgeschlossen. Des Weiteren wird die bisherige sexuelle Erfahrung erfragt, um mögliche Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren aufzudecken. Es kann dazu kommen, dass auch der Partner aktiv in die Therapie miteinbezogen wird.
  2. Beidseitige Verantwortlichkeit: Der Patient/die Patienten sollen zur Einsicht gelangen, dass immer beide Partner zum sexuellen Problem beitragen, egal bei wem die sexuelle Funktionsstörung auftritt. Somit ist es immer hilfreicher, wenn beide die Therapie in Angriff nehmen.
  3. Information über Sexualität: Mit Hilfe von Gesprächen, Büchern und Videos versucht der Therapeut schließlich dem Patienten das Wissen zu Anatomie und Physiologie der sexuellen Reaktionen näher zu bringen.
  4. Einstellungsänderung: In den nächsten Schritten sollen die Patienten ihre Einstellungen zur Sexualität, die augenscheinlich zur Hemmung der sexuellen Erregung und Lust beitragen, äußern. Der Therapeut versucht diese Einstellungen durch bestimmte Übungen zu verändern.
  5. Beseitigung von Leistungsangst und der Beobachterrolle: Vor allem bei Männern scheinen diese Faktoren eine Erregung zu erschweren und bestimmte sexuelle Funktionsstörungen aufrechtzuerhalten. Mit Hilfe von Techniken, wie „sensorische Fokussierung“ und „nicht forderndes Lustspenden“, sollen zunächst sexuelle Begegnungen auf Umarmungen, Küssen und Massagen des Körpers (ohne das Berühren von Brust oder Intimbereich) reduziert werden. Erst nach und nach werden weitere Handlungen erlaubt und somit die sexuelle Lust allmählich gesteigert.
  6. Verbesserung der sexuellen Kommunikationstechniken: Zudem übt der Therapeut mit den Patienten neue Strategien ein, wie Patienten auch während dem Geschlechtsakt miteinander kommunizieren können. Bei der sensorischen Fokussierung soll der Patient z.B. die Hand seines Partners führen. So kann er Geschwindigkeit, Druck und Ort der Liebkosungen und Streicheleinheiten bestimmen. Schließlich sollen verbale Hinweise immer positiv und informativ formuliert werden (sagen, was einem gefällt und dass es einem gefällt).
  7. Veränderung eines möglichen destruktiven Lebensstils und beeinträchtigender partnerschaftlicher Interaktionen: Natürlich werden in der Therapie auch die Lebensumstände des Patienten berücksichtigt und – wenn möglich – bearbeitet.
  8. Bearbeitung körperlicher und medizinischer Faktoren: Bereits zu Beginn der Therapie werden mögliche Faktoren, wie Krankheiten, Verletzungen, Medikamenteneinnahmen oder möglicher Substanzmissbrauch, die einen Einfluss auf die Ausbildung einer sexuellen Funktionsstörung haben können, abgeklärt und entsprechend damit umgegangen.

Bei der Behandlung der männlichen Orgasmusstörung soll der Patient hauptsächlich Techniken erlernen, die ihm helfen seine Leistungsangst zu verringern und die Erregung zu steigern. Im Beisein der Partnerin/des Partners masturbiert der Betroffene bis kurz vor dem Orgasmus, um dann sein Glied einzuführen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er erst während des Geschlechtsverkehrs ejakuliert wird dadurch erhöht. Im Laufe der Therapie wird die Masturbationszeit weiter verkürzt.

Die Behandlung der weiblichen Orgasmusstörung konzentriert sich hauptsächlich auf Selbsterfahrung, Förderung des eigenen Körperbewusstseins und gezieltem Masturbationstraining. Bei der lebenslangen und generalisierten Form der Orgasmusstörung werden Betroffene dazu angeleitet sich Schritt für Schritt selbst zu befriedigen, um schließlich während dem Geschlechtsverkehr einen Orgasmus zu erlangen. Übungen, um die Orgasmusfähigkeit zu steigern, sind unter anderem das Zusammenziehen des Beckenbodenmuskels, das Anhalten des Atems, bestimmte Stellungen und sensorische Fokussierung (über 90% der Frauen lernen bei der Masturbation einen Orgasmus zu erreichen, 80% durch Liebkosungen ihres Partners und 30% beim Verkehr).

Bei der situativen Orgasmusstörung wird versucht, dass die Orgasmusfähigkeit allmählich auf mehrere Möglichkeiten und Situationen ausgeweitet wird. Allerdings bleibt dabei immer zu beachten, dass eine Frau mit situativen Orgasmusproblemen völlig normal ist, solange sie den Geschlechtsakt genießen und einen Orgasmus auf andere Art und Weise erfahren kann.

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