Nichtorganischer Vaginismus


Merkmale

Frauen, die an Vaginismus leiden, zeigen wiederholt oder dauerhaft eine unbewusste Anspannung bzw. Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur und des äußeren Drittels der Vaginalmuskulatur. Der Scheideneingang verengt sich und kann, bei schwerer Ausprägung des Vaginismus, das Einführen eines männlichen Glieds, eines Fingers, eines Tampons oder eines Spekulums (gynäkologischer Untersuchungsgegenstand) vollständig verhindern. Bei einer leichten Form des Vaginismus kann das Einführen als unangenehm bis äußerst schmerzhaft wahrgenommen werden. Manche Frauen zeigen bereits einen Scheidenkrampf, wenn sie eine vaginale Penetration erwarten. Im Regelfall wird der Geschlechtsverkehr durch die sexuelle Funktionsstörung unmöglich und erschwert generell den sexuellen Kontakt sowie das Weiterführen von partnerschaftlichen (ehelichen) Beziehungen. Das heißt jedoch nicht, dass Frauen, die an Vaginismus leiden, kein sexuelles Verlangen oder keine Fähigkeit für einen Orgasmus (durch Klitorisstimulation) aufweisen. Diese sexuellen Reaktionen werden lediglich als eingeschränkt erlebt, wenn eine Penetration erwartet oder ausgeführt wird.

Damit wirklich von Vaginismus gesprochen werden kann, müssen die Betroffenen deutlich unter den Symptomen der sexuellen Funktionsstörung leiden, da diese entweder dauerhaft oder wiederholt auftreten. Des Weiteren können die unwillkürlichen Kontraktionen zwischenmenschliche Probleme mit sich ziehen. Können die Symptome auf einen Substanzmissbrauch (z.B. Medikamente, Alkohol) oder eine körperliche Erkrankung zurückgeführt werden, dann liegt kein Vaginismus vor. Nicht selten wird diese sexuelle Funktionsstörung das erste Mal bei einer Routineuntersuchung des Gynäkologen festgestellt.

Frauen, die an Vaginismus leiden, können zusätzlich von einer weiteren sexuellen Funktionsstörung (Mangel an sexuellem Verlangen, sexueller Aversion oder Orgasmusstörung) betroffen sein.

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Verlauf

Hält die sexuelle Funktionsstörung ein Leben lang an, dann hat sich der Vaginismus bereits bei der ersten Untersuchung beim Frauenarzt oder den ersten Penetrationsversuchen der Vagina ausgebildet. Wird die sexuelle Dysfunktion erst im Laufe der Jahre erworben, dann verläuft sie meist chronisch. Die Verkrampfung der Scheide kann auch durch ein traumatisches sexuelles Erlebnis oder eine körperliche Krankheit ausgelöst werden. Es kann zu einer Verbesserung bzw. Heilung des Vaginismus kommen, wenn frühzeitig entsprechende Therapiemethoden eingesetzt werden.

Zahlen

Frauen im jüngeren Alter, mit geringer bzw. negativer sexueller Erfahrung (z.B. Vergewaltigung) oder Frauen, die sexuelle Aktivitäten als eklig oder widerlich empfinden, weisen einen Vaginismus häufiger auf. Ungefähr 20% der Frauen haben beim Geschlechtsverkehr manchmal Schmerzen. Die sexuelle Funktionsstörung Vaginismus kommt jedoch wahrscheinlich bei weniger als 1% aller Frauen vor.

Subtypen

Bei allen sexuellen Funktionsstörungen wird hinsichtlich dem Anfangspunkt der Störung, den Umständen, innerhalb derer die Störung vorkommt, und den Ursachen für die Störung unterschieden.

Der Vaginismus gilt als „lebenslang“, wenn die Störung mit der geschlechtlichen Reife begonnen hat. Die sexuelle Funktionsstörung gilt als „erworben“, wenn die Schmerzen nach einem Zeitraum normaler sexueller Betätigung ihren Anfang genommen haben.

Der Vaginismus kann auch mehrere verschiedene Situationen, Partner oder Arten der sexuellen Erregung betreffen und damit als „generalisiert“ bezeichnet werden. Er kann aber auch nur eine Situation, einen Partner oder eine Art der Stimulation betreffen und kann somit als „situativ“ gelten.

Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Scheidenkrampf) können sowohl durch psychische Faktoren alleine als auch durch psychische und körperliche Faktoren ausgelöst werden.

Therapie

Die unterschiedlichen Therapieverfahren versuchen auf Grund ihres unterschiedlichen Ursachenverständnisses, die sexuellen Funktionsstörungen auf unterschiedliche Weise zu behandeln.

In der Psychoanalyse geht man davon aus, dass die Personen mit einer sexuellen Funktionsstörung in ihrer Entwicklung bei einer der psychosexuellen Phasen (Siegmund Freud unterschied die anale, orale, latenz und genitale Phase) zurückgeblieben sind. So soll der Patient in der Beziehung zum Analytiker alle Phasen der Kindheit nochmals durchleben, aber diesmal erfolgreich. Dadurch soll eine tiefreichende Umstrukturierung der Persönlichkeit erreicht werden.

In der Verhaltenstherapie kommen hauptsächlich Muskelentspannungsübungen und Methoden, wie die systematische Desensibilisierung zum Einsatz, um die vorherrschende Angst bei sexuellen Funktionsstörungen zu reduzieren.

Die wohl bekannteste Behandlungsmethode bei sexuellen Funktionsstörungen ist die von William Masters und Virginia Johnson (1970), welche auch unter der Bezeichnung „Sexualtherapie“ bekannt wurde. Das achtstufige Verfahren beinhaltet kognitive, verhaltenstherapeutische sowie auch kommunikative Techniken und setzt direkt beim sexuellen Problem an. Innerhalb von ca. 15 bis 20 Therapiestunden (Kurzzeittherapie) werden folgende Techniken standardmäßig angewandt:

  1. Diagnostik und Problemanalyse: Zuerst werden mögliche organische Probleme in einer medizinischen Untersuchung abgeklärt bzw. ausgeschlossen. Des Weiteren wird die bisherige sexuelle Erfahrung erfragt, um mögliche Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren aufzudecken. Es kann dazu kommen, dass auch der Partner aktiv in die Therapie miteinbezogen wird.
  2. Beidseitige Verantwortlichkeit: Der Patient/die Patienten sollen zur Einsicht gelangen, dass immer beide Partner zum sexuellen Problem beitragen, egal bei wem die sexuelle Funktionsstörung auftritt. Somit ist es immer hilfreicher, wenn beide die Therapie in Angriff nehmen.
  3. Information über Sexualität: Mit Hilfe von Gesprächen, Büchern und Videos versucht der Therapeut schließlich dem Patienten das Wissen zu Anatomie und Physiologie der sexuellen Reaktionen näher zu bringen.
  4. Einstellungsänderung: In den nächsten Schritten sollen die Patienten ihre Einstellungen zur Sexualität, die augenscheinlich zur Hemmung der sexuellen Erregung und Lust beitragen, äußern. Der Therapeut versucht diese Einstellungen durch bestimmte Übungen zu verändern.
  5. Beseitigung von Leistungsangst und der Beobachterrolle: Vor allem bei Männern scheinen diese Faktoren eine Erregung zu erschweren und bestimmte sexuelle Funktionsstörungen aufrechtzuerhalten. Mit Hilfe von Techniken, wie „sensorische Fokussierung“ und „nicht forderndes Lustspenden“, sollen zunächst sexuelle Begegnungen auf Umarmungen, Küssen und Massagen des Körpers (ohne das Berühren von Brust oder Intimbereich) reduziert werden. Erst nach und nach werden weitere Handlungen erlaubt und somit die sexuelle Lust allmählich gesteigert.
  6. Verbesserung der sexuellen Kommunikationstechniken: Zudem übt der Therapeut mit den Patienten neue Strategien ein, wie Patienten auch während dem Geschlechtsakt miteinander kommunizieren können. Bei der sensorischen Fokussierung soll der Patient z.B. die Hand seines Partners führen. So kann er Geschwindigkeit, Druck und Ort der Liebkosungen und Streicheleinheiten bestimmen. Schließlich sollen verbale Hinweise immer positiv und informativ formuliert werden (sagen, was einem gefällt und dass es einem gefällt).
  7. Veränderung eines möglichen destruktiven Lebensstils und beeinträchtigender partnerschaftlicher Interaktionen: Natürlich werden in der Therapie auch die Lebensumstände des Patienten berücksichtigt und – wenn möglich – bearbeitet.
  8. Bearbeitung körperlicher und medizinischer Faktoren: Bereits zu Beginn der Therapie werden mögliche Faktoren, wie Krankheiten, Verletzungen, Medikamenteneinnahmen oder Substanzmissbrauch, die einen Einfluss auf die Ausbildung einer sexuellen Funktionsstörung haben können, abgeklärt und entsprechend damit umgegangen.

Die Behandlung des Vaginismus kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen. Zum einen lernen die Betroffenen bewusst ihren Vaginalmuskel (dieser gehört zum Beckenboden und umgibt die Vagina) anzuspannen und zu entspannen. Zum anderen wird die Angst vor einer Penetration durch Konfrontationsübungen mit an Größe variierenden Dilatatoren allmählich überwunden. Die Sexualtherapie bei Vaginismus ist äußerst erfolgversprechend. Bis zu 90% der betroffenen Frauen erreichen durch sie einen schmerzfreien Sexualverkehr.

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