Nichtorganische Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus


Merkmale

Das wesentliche Merkmal der nichtorganischen Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus ist eine fehlende Synchronizität zwischen dem individuellen Schlaf-Wach-Muster und dem üblichen Schlaf-Wach-Muster der Umgebung. Dies führt bei den Betroffenen zu Klagen über Schlaflosigkeit während der üblichen Schlafzeiten und Hypersomnie während der üblichen Wachzeiten.

Für eine Diagnose müssen die Schlafstörungen fast täglich einen Monat lang oder wiederkehrend für kürzere Zeiträume auftreten. Die Betroffenen können durchaus gut schlafen, aber eben nicht zu den „normalen“ Zeiten. Extreme Nachtmenschen haben z.B. große Probleme vor Mitternacht einzuschlafen und entsprechend morgens früh aufzustehen. Extreme Morgenmenschen sind hingegen schon sehr früh abends müde und schlafen entsprechend früh, wachen dann aber auch morgens sehr früh auf und können dann nicht mehr weiterschlafen.

Die Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus kann psychische Ursachen haben, aber auch medizinisch begründet sein. Häufig finden sich bei Personen mit fragmentierten und wechselnden Schlaf- und Wachzeiten zusätzlich andere psychische Störungen (z.B. affektive Störungen). Informationen zu weiteren psychischen Erkrankungen finden Sie auf psycheplus im Bereich Wissen.

Bei Schichtarbeitern oder Personen, die von Jetlag (durch Fernflüge verursacht) betroffen sind, ist die Schlafstörung biologischer Natur. Auch in diesem Fall können die Betroffenen aufgrund eines Erschöpfungszustandes emotional belastet sein. Die Diagnose einer nichtorganischen Schlafstörung sollte nur dann gestellt werden, wenn psychische Faktoren im Vordergrund stehen und der Betroffene deutliche Beeinträchtigungen im sozialen oder beruflichen Bereich oder deutliches persönliches Leiden aufweist.

Viele Menschen mit gestörtem Schlaf-Wach-Muster nehmen keine Behandlung in Anspruch und weisen keine ausreichend schweren Symptome auf, um eine Diagnose zu rechtfertigen. Diejenigen, die eine Behandlung aufsuchen, sind aufgrund der Schwere, der Dauer und der negativen Folgen der Schlafstörung (Unfälle, Auswirkungen auf Job, Familie, Freizeit, etc.) meist sehr besorgt.

Verlauf

Der Typus mit verzögerter Schlafphase beginnt normalerweise in der Adoleszenz. Auslöser kann eine psychosoziale Belastung sein. Ohne eine entsprechende Behandlung hält die Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg an. Da sich mit fortschreitendem Alter der Schlaf-Wach-Rhythmus natürlicherweise vorverlegt, kann sich die Störung auch von selbst ausgleichen.

Eine Behandlung kann zwar den Rhythmus zumindest für eine gewisse Zeit normalisieren, meist bleibt bei den Betroffenen jedoch eine Anfälligkeit für verspätetes Schlafen bestehen. Die Problematik des Schicht-Arbeits-Typus bleibt bestehen, solange der Betroffene einer Schichtarbeit nachgeht. Wenn der Betroffene zu einem normalen, regelmäßigen Arbeitsrhythmus zurückgekehrt, bilden sich die Symptome meist innerhalb von 2 Wochen zurück. Beim Jet-Lag Typus kann davon ausgegangen werden, dass es etwa einen Tag pro Zeitzone braucht, um sich der neuen lokalen Zeit anzupassen.

Zahlen

Es gibt nur eine unzureichende Anzahl an Studien über die Prävalenz der nichtorganischen Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Für den Typus mit verzögerter Schlafphase gibt es Angaben zwischen 0,1% bis 4% bei Erwachsenen. Bei Jugendlichen liegt die Häufigkeit bei ca. 7%. Unter Schichtarbeitern leiden bis zu 60% am Schichtarbeitstypus.

Subtypen

Typus mit verzögerter Schlafphase: Diese Form der Schlafstörung ist gekennzeichnet durch einen verzögerten Schlaf-Wach-Rhythmus. Betroffene haben große Schwierigkeiten zu den üblichen Zeiten einzuschlafen und dementsprechend auch zu den berufsbedingt geforderten Zeiten aufzuwachen. Der Schlaf an sich verläuft normal, jedoch haben viele Betroffene aufgrund der sozialen und beruflichen Anforderung früh morgens aufzustehen, ein chronisches Schlafdefizit. Während der Wachphase leiden Betroffene deshalb häufig unter Müdigkeit und verminderter bzw. verzögerter Leistungsfähigkeit mit einem Leistungsgipfel in den späten Abendstunden.

Jet-Lag-Typus: Bei diesem Typus ist der Schlaf-Wach-Rhythmus des Betroffenen eigentlich normal und ergibt sich aus der Umstellung auf eine neue Zeitzone, wie es bei Fernreisen vorkommt. Personen mit diesem Typus klagen dementsprechend über eine Diskrepanz zwischen ihren als natürlich empfundenen und den erforderlichen Schlaf-Wach-Zeiten. Je mehr Zeitzonen innerhalb eines Tages durchreist werden, umso schwerwiegender wird die erlebte Diskrepanz. Es können im Zuge der Umstellung Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten, Benommenheit, Kopfschmerzen, Erschöpfungsgefühl, Appetitverlust und Verstopfung auftreten.

Schichtarbeits-Typus: Bei diesem Typus ergibt sich die Störung aus dem durch die Schichtarbeit erforderlichen Schlaf-Wach-Rhythmus, der im Konflikt zu dem natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus des Betroffenen steht. Nachtschichtpläne und wechselnde Schichtpläne beeinträchtigen am meisten, da eine dauerhafte Anpassung an den erforderlichen Rhythmus nicht möglich ist. Schichtarbeiter leiden oft unter einer Störung der Konzentration und Aufmerksamkeit und unter verminderter Leistungsfähigkeit und Wachheit. Eine verminderte Lebensqualität und Beeinträchtigungen im sozialen, familiären und beruflichen Bereich sind bei Schichtarbeitern häufig. Besonders betroffen sind diejenigen, die Ein- und Durchschlafschwierigkeiten haben, da diese zusätzlich zu dem verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus unter Schlafmangel leiden.

Unspezifischer Typus: Hierunter fallen alle sonstigen Muster einer Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. vorverlagertes Schlafphase-Muster, ein nicht 24-stündiger Schlaf-Wach-Rhythmus oder irregulärer Schlaf-Wach-Rhythmus). Das vorverlagerte Schlafphase-Muster zeichnet sich dadurch aus, dass Betroffene sehr früh müde werden und früher als „üblich“ schlafen gehen (z.B. schon um 21 Uhr). Entsprechend früh wachen die Betroffenen morgens auf (z.B. um 4 Uhr morgens) und haben dann Schwierigkeiten erneut einzuschlafen. Leidet ein Betroffener unter einem Schlaf-Wach-Rhythmus, der nicht einem 24-stündigem Rhythmus entspricht, bedeutet dies, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus des Betroffenen „freilaufend“ ist, also etwas länger als 24 Stunden dauert. Der Rhythmus verzögert sich in diesem Fall also fortschreitend, was zu wechselnden Beschwerden an aufeinanderfolgenden Tagen führt (z.B. einige Tage mit Einschlafstörungen, gefolgt von Tagen mit Schläfrigkeit am Tage, gefolgt von Tagen mit Schwierigkeiten, abends wach zu bleiben). Diese Form tritt überwiegend bei Blinden auf, vor allem bei denjenigen die keinerlei Helligkeitswahrnehmung besitzen. Beim irregulären Schlaf-Wach-Muster kann kein bestimmter Schlaf-Wach-Rhythmus identifiziert werden.

Therapie

Es gibt eine ganze Reihe von schlafspezifischen Therapiemöglichkeiten. Zunächst werden dem Patienten die Regeln des gesunden Schlafes vermittelt (Schlafhygiene). Dazu zählen u.a. feste Aufsteh- und Zubettgeh-Zeiten, kein Alkohol oder Kaffee vor dem Schlafen.

Eine weitere wichtige Grundlage für die Therapie einer Schlafstörung, wie der Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus sind gründliche Informationen und die Aufklärung des Patienten (Schlafedukation) zu folgenden Fragen:

  • Was ist eigentlich normaler, gesunder Schlaf?
  • Wie genau ist mein eigener Schlaf beschaffen?
  • Welche Ursachen gibt es für meine Schlafprobleme?

Zu den wirkungsvollsten nichtmedikamentösen Therapieverfahren zählt die Schlafrestriktionstherapie. Sie beruht darauf, dass die Schlafenszeit bzw. die Zeit, die im Bett verbracht wird beschränkt wird. Dieser teilweise Schlafentzug hat einen schlaffördernden Effekt. (Nicht zu verwechseln ist diese Form der Therapie mit der Schlafentzugstherapie bei Depressionen). „Schlafkompression“ bezeichnet eine abgeschwächte Form der Schlafrestriktionstherapie.

Auch die sogenannte Stimulus-Kontrolle hat sich als sehr wirkungsvoll gegen Schlafstörungen erwiesen. Dabei geht es darum, sein Verhalten im Bett zu verändern. Patienten mit Schlafstörungen zeigen bestimmte Verhaltensweisen, wie Fernsehen, Lesen, Essen, aber auch grübeln, sich ärgern, wach liegen und sich Sorgen machen, die mit der Zeit dazu führen, dass das Bett zu einem Ort wird, der mehr und mehr mit diesen zumeist aktivierenden bzw. wach-machenden Tätigkeiten als mit Schlafen verbunden ist. Diese Assoziationen festigen sich auf Dauer immer mehr und führen dazu, dass der Patient bereits beim Gedanken ans Zubettgehen mit körperlicher Aktivierung (z.B. erhöhter Blutdruck) reagiert oder spätestens, wenn er sich hinlegt, plötzlich hellwach ist.

Bei der Behandlung einer Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus wird auch das sogenannte „Müdigkeitsmanagement“ angewendet. Dabei geht es darum, dass die Patienten lernen ihren Tagesablauf besser auf ihre Krankheit hin zu planen und zu strukturieren. Besonders wichtige Arbeiten und Aufgaben sollen bewusst in den Zeiten erhöhter Wachheit durchgeführt werden, während Routinetätigkeiten eher in Zeiträumen nachlassender Wachheit erledigt werden können. Darüberhinaus lernen die Patienten vorsichtig mit Nahrungs- und Genussmitteln umzugehen, da bestimmte Kohlenhydrate und auch Alkohol ermüdend wirken. Da eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus auch auf die Lebenspartner massive Auswirkungen hat, ist es besonders wichtig auch die Angehörigen in die Therapie mit einzubeziehen.

Neben diesen speziellen Therapiemethoden kommt auch die kognitive Verhaltenstherapie bei Schlafstörungen zum Einsatz. Dabei wird versucht das negative, unrealistische Denken des Patienten zu verändern. Beispielsweise soll der Gedanke „es ist furchtbar, dass ich schon wieder wach liege“, soweit verändert werden, dass der Patient denkt „es ist normal, dass man nachts mal wach liegt. Vielleicht schlafe ich ja gleich wieder ein und wenn nicht, ist es auch keine Katastrophe“. Natürlich ist es ein langer Prozess vom Aufspüren der schlafbehindernden Gedanken bis zu Ihrer Veränderung und Stabilisierung. Letztendlich soll dadurch erreicht werden, dass sich Gefühle wie Ärger und Anspannung verringern und das nächtliche Grübeln des Patienten durchbrochen wird.

Im Zuge verhaltenstherapeutischer Strategien sollen die Patienten ihre Ressourcen entdecken und nutzen, ihren Umgang mit Spannung und Entspannung optimieren und Aktivitäten aufbauen und fördern. Auch Entspannungstechniken werden bei Schlafstörungen erfolgreich eingesetzt, da diese dazu beitragen, dass das erhöhte Erregungsniveau, das sich z.B. in Muskelverspannung, Unruhe und Nervosität äußert, verringert wird. Zu den bekanntesten gehören die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen und das Autogene Training.

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